Filmbrunch “Lebenslinien”
Augustine. Marianne. Elisabeth. Die SPÖ Frauen OÖ zeigten in Kooperation mit den SPÖ Frauen Linz-Stadt und dem Renner Institut OÖ die berühmte Filmreihe „Lebenslinien“ im Rahmen des SPÖ Frauensalons. Die Regisseurin Käthe Kratz war anwesend und sprach mit Landesfrauenvorsitzender NRin Sonja Ablinger über ihr künstlerisches Schaffen sowie ihr feministisches Engagement.
Drei Frauen – drei Generationen. Am Anfang, um die Jahrhundertwende, steht Augustine, genannt Gusti. Sie ist die Tochter einer Heimarbeiterin und eines Landarbeiters und geht, um dem kinderreichen Elternhaus zu entkommen, als Dienstmädchen nach Wien. Vom Neffen ihres Dienstherrn geschwängert, kommt nach einer im Gefängnis verbrachten Schwangerschaft ihre Tochter Marianne zur Welt. Marianne, im Ersten Weltkrieg Schweißerin, verliert 1918, inzwischen in Frauenfragen engagierte Arbeiterrätin, ihren Arbeitsplatz an ihren aus dem Krieg zurückgekehrten Mann. Doch ihr Fluchtversuch aus der Ehe endet in einer neuen Schwangerschaft. Elisabeth, Mariannes älteste Tochter, hat nichts gegen geschenkfreudige Kavaliere und bleibt nach einer Affäre mit einem Nazi im Österreich des Jahres 1939 mit einer unehelichen Tochter, Marlene, sitzen. Frauenschicksale, über Jahrzehnte gleich – scheinbar. Denn unter der Alltagsoberfläche zeigen sich Veränderungen der Frauenrolle nur sehr subtil.
Käthe Kratz (geb. 1947) ist Filmemacherin und Schriftstellerin. Sie war die erste österreichische TV-Spielfilmregisseurin und ist eine der feministischen Vorkämpferinnen der heimischen Filmszene. Sie lebt in Wien und auf der kroatischen Insel Šolta.
„Die Filmreihe ‚Lebenslinien’ müssten als ‚österreichisches Weltkulturerbe’ gelten, weil sie die Geschichte von Frauen an den Bruchlinien der Gesellschaft in Zeiten des Krieges auf besonders eindrucksvolle und einfühlsame Weise darstellen“, hielt Sonja Ablinger im Zuge des Gesprächs fest. In den „Lebenslinien“ wird die Geschichte der Frauen in ihrer Gesamtheit erzählt, es ist gewissermaßen auch die Geschichte der Frauenbewegung. Es ist aber auch eine Chronologie von Müttern, die auch nicht immer friktionsfrei funktioniert. „Käthe Kratz hat mit diesem Werk dafür gesorgt, dass die Geschichte der Frauenarbeit gehoben und somit nicht in Vergessenheit gerät“, so Ablinger.
Käthe Kratz erwähnte im Gespräch mit den KinobesucherInnen, dass sie das Gefühl hatte, dass „Frauen in der Geschichtsschreibung durch den Raster fallen – mit dem Film wollte ich gewisse Dinge zurechtrücken. Bei den Arbeiten zum Film wurde diese Wahrnehmung bestätigt: Die Recherche war mühsam, ein ständiges Graben und Suchen – es glich einer Pionierarbeit. Häufig war nur die Geschichte von Männern dokumentiert. Frauen sind in der Historie einfach nicht vorgekommen, und es war schwierig, unter den verloren gegangenen Frauengeschichten jene der Arbeiterinnen auszugraben“. Der Film geht aber auch der Frage nach, woran es liegt, dass es für Mütter so schwierig ist, die Geschichte von Frauen an ihre Töchter (und Söhne) weiterzugeben.
Käthe Kratz erzählt weiter, dass sie – als sie die Filme Anfang der 80er-Jahre produzierte – wie sie selber sagt – „die lästige Feministin“ war, Frauen als Regisseurinnen gab es kaum. Es ist heute zwar nicht mehr exotisch, dass Frauen Filme machen. Im Verteilungskampf um Fördermittel müssen sie sich aber immer noch hinten anstellen. Frauenfilme, die noch dazu politische Filme sind, haben es auch heute noch besonders schwer auf dem umkämpften Filmmarkt. „Außerdem sind der Blickpunkt und die emotionale Sichtweise in Filmen, die von Frauen gemacht werden andere, als in jenen von Männern. Was in einem Drehbuch steht, wird beim Filmemachen gewissermaßen im Kopf übersetzt, und das funktioniert bei Frauen einfach anders“, so Kratz.
Auf die Frage, welche Geschichte Käthe Kratz den Frauen erzählen würde, die heute zwischen 30 und 40 Jahre alt sind, wenn sie die „Lebenslinien“ fortsetzen würde, sagt sie: “Das ist eine Generation, die sehr gut ausgebildet und mit folgendem Weltbild groß geworden ist: Du bist klug, fesch und sexy und du kannst es mit großem Einsatz schaffen. Dieser Lüge ist eine ganze Frauengeneration auf den Leim gegangen. Sie haben vielleicht Kinder bekommen und sind im Laufe der Jahre draufgekommen, dass sie diese aberwitzige Fülle von Aufgaben gar nicht schaffen können und wenn JA gibt es immer noch die ‚gläserne Decke’ an die sie stoßen. Es hieß für sie vielfach zurück zu den angestammten Plätzen und zu Rollenzuweisungen.“ Aus dieser Enttäuschung heraus beginnen laut Kratz aber auch viele junge Frauen wieder Fragen zu stellen und der aufkeimende Antifeminismus, der sich in der Gesellschaft breit macht könnte ein Folge dessen sein – eine Furcht davor, dass Frauen wieder stärker auf ihren Rechten bestehen und sich nicht länger etwas vormachen lassen.
Die beiden jüngeren Filme aus der Reihe, Marlene – Der amerikanische Traum und Marlene – Wunden der Freiheit wurden am Montag, 12. November im Moviemento gespielt.